Gläschen- oder Frischkost

In Produkten für die Kinderernährung sind oft nicht die Nahrungsmittel ausschlaggebend für die Belastung mit Schadstoffen, sondern das Trinkwasser, mit denen sie zubereitet werden. Dennoch ist Trinkwasser grundsätzlich für die Kinderernährung geeignet; einige Vorschriften für Trinkwasser sind sogar strenger als die entsprechenden Regelungen für Mineral- und Tafelwasser. Die Gewinnung von qualitativ einwandfreiem Trinkwasser wird allerdings durch immer komplexere Belastungen des Grundwassers zunehmend erschwert.

Nach Angaben des Diätverbandes werden rund 90 Prozent der Säuglinge unter anderem mit fertigen Babykostprodukten ernährt. Gläschenkost ist also ein wesentlicher Bestandteil der heutigen Säuglings- und Kleinkinderernährung. Aus diesem Grund haben wir nachfolgend die Vor- und Nachteile von Gläschenkost zusammengestellt.

Besondere Beachtung in der Säuglingsernährung bedürfen Nitrat, Nitrit und Nitrosamine. In welchem Ausmaß diese Stoffe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene schädlich sind, ist bisher strittig. Das Risiko ist für Säuglinge höher, da ihr Hämoglobin (der rote Blutfarbstoff) sich besonders leicht mit Nitrit verbindet und dadurch für den Sauerstofftransport ausfällt. Darüber hinaus verfügt der junge Organismus noch nicht über ein voll entwickeltes Fermentsystem, um das blockierte Hämoglobin zu reaktivieren. Als Folge droht eine Art »innere Erstickung«, die als Säuglingsblausucht bezeichnet wird.

Die zweite Gefahrenquelle in diesem Zusammenhang sind die Nitrosamine. Sie entstehen im Magen durch die chemische Reaktion von Nitrit mit Aminen. Nach heutigen Erkenntnissen zählen Nitrosaminverbindungen zu den wirksamsten Krebserregern. Von den 300 überprüften Nitrosaminen haben sich 90 Prozent im Tierversuch als krebserregend erwiesen.
Aus diesen Gründen sollte gerade in der Säuglingsernährung die Aufnahme von Nitrat bzw. Nitrit möglichst gering gehalten werden. Neben der Verwendung von nitratarmem

Mineralwasser ist verschiedenen nitratreichen Gemüsesorten besondere Beachtung zu schenken.

Hierzu zählen Spinat, rote Beete, Mangold, Kohlrabi, Fenchel, Rhabarber, Kopfsalat, Feldsalat, Radieschen, Rettich und Kresse, die möglichst nicht für die Zubereitung von Kleinkindernahrung genommen werden sollten. Bei diesen Gemüsen wurden Nitratgehalte von durchschnittlich über 1000 mg/kg Frischgemüse gemessen. Für die Herstellung von Säuglingsfertignahrung dürfen nur nitratarme Gemüse verwendet werden. Der Grenzwert der Diätverordnung schreibt höchstens 250 mg Nitrat/kg Kindernahrung vor.

Im November 1993 untersuchte die Zeitschrift Ökotest 83 Gläschenkostprodukte und setzte in der Bewertung der Produkte einen Nitrathöchstwert von 100 Milligramm je Kilogramm fest. Das Ergebnis kann als erfreulich bezeichnet werden: Nur fünf Produkte überschritten diesen Wert.

Neun Proben enthielten mehr als 20 µg/kg Cadmium, ebenfalls ein von Ökotest festgelegter Beurteilungswert, da bisher nur unverbindliche Empfehlungen für Cadmiumhöchstgehalte existieren: 500 µg/kg bei Spinat, 100 µg/kg bei anderem Gemüse sowie 50 µg/kg bei Obst. Zusätzlich war vorgesehen, alle Produkte auf Rückstände des Pilzbekämpfungsmittels Dithiocarbamat, das im Obst- und Gemüsebau eingesetzt wird, untersuchen zu lassen. Doch in Deutschland konnte zu diesem Zeitpunkt kein Labor gefunden werden, welches eine zuverlässige Methode zur Messung dieses Schadstoffes praktizierte. Ein halbes Jahr später wurde die Untersuchung nachgeholt. Gleich die ganze Gläschenserie eines Herstellers war belastet, andere Marken fielen »nur« durch einige Einzelprodukte negativ auf. Daneben wurden in einigen Proben auch krebserregende Weichmacher gefunden, für die allerdings kein Grenzwert, sondern nur ein europäischer Richtwert existiert, der noch nicht in deutsches Recht umgesetzt wurde.

Das Für und Wider von Gläschenkost

Vorteile von Gläschenkost   Nachteile von Gläschenkost
Das verwendete Gemüse ist von ausgewählter Qualität mit strenger Pestizid- und Düngemittelbegrenzung. Die unüberschaubare Vielfalt täuscht Gesundheitswert und Geschmacksvielfalt vor, Säuglinge und Kleinkinder benötigen diese Sortenvielfalt nicht.
Säuglingsnahrung fällt unter die Diätverordnung, so dass Nitratgehalte unter 250 mg und Pestizidrückstände unter 0,01 mg pro Kilogramm verbindlich sind. Beikost wird nicht immer entsprechend den ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen hergestellt und allgemein zu früh für die Ernährung des Säuglings empfohlen.
Die Rohstoffe für die Herstellung von Gläschenkost unterliegen strengen Rückstandskontrollen, die beim Kauf von konventionell oder ökologisch angebautem Frischgemüse nicht gegeben sind. Sie enthält oft zu viel des Guten: zu viele Vitaminzusätze, Eiweiße und Kohlenhydrate, manchmal zu viel Salz, aber meist zu wenig hochwertige Fette.
Obst und Gemüse wird sofort verarbeitet und bei weitgehender Vitaminschonung mit Dampf konserviert. Entgegen den offiziellen Empfehlungen können Zusatzstoffe und überflüssige Süßungsmittel enthalten sein.
Die Qualität der Gläschenkost ist nahezu das ganze Jahr konstant. Keimfreiheit durch Sterilisation ist garantiert. Die feine Zerkleinerung erhöht die Ausnutzung der Nährstoffe. Der Geschmack einer Frischzubereitung kann nicht erreicht werden.
Schnelle und einfache Zubereitung. Gläschenkost ist relativ teuer.

Im April 1994 wurden hohe Rückstände des Pestizids Lindan in der Gläschenkost einer spanischen Billigmarke gefunden. In der Probe war ein Mehrfaches des Grenzwertes der Diätverordnung von 10 Mikrogramm Lindan je Kilogramm gefunden worden. Dieser Grenzwert ist speziell für Säuglinge und Kleinkinder festgelegt worden, denn sie unterscheiden sich von Erwachsenen hinsichtlich vieler Vorgänge im Organismus: Chemikalien werden vom jungen Körper schneller aufgenommen, weniger schnell umgewandelt und auch langsamer durch die Nieren ausgeschieden. Dieser im Unterschied zum Erwachsenen verzögerte Stoffwechsel führt zu einer schnelleren Anreicherung der Rückstände im Organismus.

Aufgrund dieser Erkenntnisse forderte die Weltgesundheitsorganisation, die Schadstoffbelastung von Kindern durch vorbeugende Maßnahmen zu reduzieren und die Grenzwerte für Babynahrung so niedrig wie möglich festzulegen.
Die überhöhten Pestizidrückstände in der betreffenden Gläschenkost waren bereits im Januar 1994 bekannt. Dass jedoch weder die Öffentlichkeit noch die Behörden anderer Bundesländer informiert wurden, ist der eigentliche Skandal an diesem Fall. Und dass ausgerechnet die Produkte eines »Billigherstellers« unter der Eigenmarke des Handelskonzerns besonders negativ auffielen, verwundert nicht weiter. Auf dem deutschen Markt für Babynahrung mit rund 1,25 Milliarden Umsatz wird mit harten Bandagen gekämpft. Erst einige Monate vor der Entdeckung der Rückstände wurde bei dem nun in die Schlagzeilen gekommenen Einzelhandelskonzern eine renommierte, teurere Gläschenkostserie ausgelistet, da der Hersteller dessen Forderungen zu den Preiskonditionen nicht erfüllen konnte.

Wenige Tage nach Bekanntwerden des Skandals meldeten sich die Marktführer unter den deutschen Babykostherstellern zu Wort und gaben ihre Devise für die Zukunft aus: Nach einer freiwilligen Übereinkunft soll künftig nur noch Gläschennahrung aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Seit geraumer Zeit aber wird schon Bioland- und Demeter-Gläschenkost aus ökologischem Landbau angeboten und unterliegt dabei strengeren Richtlinien, als es die Diätverordnung vorschreibt.

Nach eigenen Angaben setzten die deutschen Marktführer bei der Babynahrung ökologisch erzeugte Rohstoffe bisher nur zu einem geringen Teil ein: Milupa zu 24 Prozent, Alete zu 16 Prozent und Hipp zu 42 Prozent.
Die im Diätverband zusammengeschlossenen Babykosthersteller haben eine gemeinsame Vereinbarung unterzeichnet, mit der sie sich verpflichten, auf Tiere und Fleisch aus Ländern, in denen Fälle von Rinderwahnsinn (BSE) bekannt geworden sind, zu verzichten. Ferner müssen sich die liefernden Rinderhalter verpflichten, keine Futtermittel zu verwenden, die Tier- oder Knochenmehl enthalten. Die Babykosthersteller greifen mit dieser Vereinbarung einer Verordnung des Gesundheitsministeriums vor, das ebenfalls ein Infektionsrisiko durch BSE über Kindernahrung ausschließen will.

Trotz der Unsicherheiten bei der Beurteilung der Schadstoffbelastung der Muttermilch meinen wir, dass auf das Stillen nicht verzichtet werden sollte. Jedoch muss über Schadstoffbelastungen in der Muttermilch offen informiert werden.

Am Problem der Schadstoffe in der Muttermilch wird nämlich deutlich, dass Grenzwerte allein die Ursachen für unsere Umweltverschmutzung im Allgemeinen und das Muttermilchproblem im besonderen nicht lösen. Hier muss Vermeidung vor Verminderung Vorrang haben, und das kann effektiv nur durch möglichst weitgehende Ausschaltung von Schadstoffquellen, sprich Verbote bestimmter Stoffe, Materialien und Verfahrensweisen geschehen.

Gleichwohl bleibt die Forderung: Es sollten die Anstrengungen zum Abbau der Gifte im eigenen Körper lange vor der Schwangerschaft einsetzen, da sich der Schadstoffspiegel nur langsam durch schadstoffarme Kost senken lässt.
Gerade für Kinder ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung wichtig. In der ersten Zeit nach dem Stillen werden die meisten Kinder durch Gläschenkost gefüttert. Dies kann man im Allgemeinen bedenkenlos tun, da Babynahrung besonders strengen Vorschriften unterliegt, auch wenn es immer ein paar schwarze Schafe gibt, wie es uns der Babynahrungsskandal erst im Frühjahr 1994 zeigte. Keineswegs sollten solche Vorfälle dazu führen, aus Angst vor Giften in der Babynahrung diese nur noch selbst zuzubereiten, denn, wie am Beispiel Nitrat gezeigt, es ist kaum möglich, Zutaten besserer Qualität zu erhalten, als sie von den meisten Babykostherstellern verwendet werden.

Gesetzliche Vorgaben für Säuglingsanfangsnahrung

Nähr- und Mineralstoffe Gehalt pro 100 kcal Babynahrung
Eiweiß 1,8 – 6,5 g
Fett 3,3 – 6,5 g
Linolsäure 0,3 – 1,2 g
Kohlenhydrate 7,0 – 14,0g
Natrium 20 – 60 mg
Kalium 60 – 145 mg
Chlorid 50 – 125 mg
Calcium mind. 50 mg
Phosphor 25 – 90 mg
Magnesium 5 – 15 mg
Eisen 500 – 1500 µg
Jod mind. 5 µg
Zink 500 – 1500 µg
Kupfer 20 – 80 µg
Retinol-Äquivalent 60 – 180 µg
Vitamin D 1 – 2,5 µg
Vitamin E mind. 0,5 µg
Vitamin K mind. 4 µg
Thiamin mind. 40 µg
Riboflavin mind. 60 µg
Niacin mind. 0,25 µg
Pyridoxin mind. 35 µg
Folsäure mind. 4 µg
Panthothensäure mind. 0,3 mg
Vitamin B12 mind. 100 mg
Biotin mind. 1,5 µg
Vitamin C mind. 8 mg

 

Quelle: Richtlinie der EG-Kommission 1991 (91/321/EWG)
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